Küss mich, Dummkopf (1964) – Filmkritik

Das Drehbuch-Duo par excellence Billy Wilder und I. A. L. Diamond, aus dessen Feder weltweite Erfolge stammen wie DAS APARTMENT oder MANCHE MÖGEN’S HEISS, sollte mit diesem Film zum ersten Mal Schiffbruch bei Kritikern und Publikum erleiden. Aber warum war das so? Billy Wilder gab selber zu, sich nie mit dem Scheitern des Films auseinandergesetzt zu haben, denn für ihn ging es damals wie am Fließband zum nächsten Projekt. Wenn man sich KÜSS MICH, DUMMKOPF über 50 Jahre nach dem Kinostart anschaut, ist man schlichtweg begeistert mit welcher Raffinesse diese Geschichte erzählt wird und mit welcher Offensichtlichkeit sexuelle und schmierige Momente des Starkults angesprochen werden. Das alles wird in eine Komödie gepackt, mit hochklassiger Besetzung aufgeführt und in einem Tempo erzählt, dass man sich beim Abspann fragt, wo die zwei Stunden hin sind.

Küss mich, Dumkopf (1964)
Dean Martin als Dino // © VOCOMO Movies

Handlung

Orville Spooner (Ray Walston) kann sich eigentlich nicht beschweren. Er ist Klavierlehrer, hat ein schönes Haus, ist im Ort ein geschätzter Nachbar und hat eine bildschöne Frau. Wäre da nicht diese ständige Eifersucht, die ständig an ihm nagt, dass Ehefrau Zelda (Felicia Farr) sich nach fünf Jahren Ehe langweilt und zum Beispiel mit dem Milchmann durchbrennt. Sein Freund und Tankstellenwart Barney (Cliff Osmond) hat das Leben im Wüstenkaff Climax satt und will als Songschreiber Karriere machen. Orville und er haben bereits mit vielen ohrwurmlastigen Songs bei den großen Plattenlabels angefragt, aber die scheinen nur ihre Briefmarken für die Rücksendung zu stehlen. Durch einen Zufall schlittert der berühmte Sänger Dino (Dean Martin) in die Einöde und nachdem Barney beim Cabrio nachgeholfen hat, ist Dino in Climax gestrandet. Plan ist es, dem Frauenhelden ein paar von ihren Songs unterzujubeln, aber Dino hat kein Interesse an neuen Lieder, sondern an neuen Errungenschaften im Bett. Da kommt ihm Orvilles Ehefrau sehr gelegen. Die Gefahr des lüsternen Stars in seinem Haus erkennend, tauscht Orville Zelda schnell gegen die käufliche Pistolen-Polly (Kim Novak) aus der umtriebigen Dorfkneipe „Belly-Button“ aus. Und der chaotische Abend nimmt seinen Lauf.

Küss mich, Dumkopf (1964)
Orville Spooner (Ray Walston), Dino (Dean Martin) und Polly (Kim Novak) // © VOCOMO Movies

Ganz klar ein Wilder

Allein schon die Thematik des Star-Business und dem Verlangen nach einer leichten Nummer, die mit wahre Liebe aufgewogen wird, sind typisch für einen Film von Billy Wilder. In KÜSS MICH, DUMMKOPFgeht es aber noch um viel mehr. Die Handlung hat so viel Substanz, dass Hollywood dieser Tage eine ganze Rom-Com-Filmreihe damit aus dem Boden hätte stanzen können. Zuallererst ist da Dean Martin, der ganz offensichtlich sein Abbild in den Boulevard-Blättern spielt. Immer einen Witz auf den Lippen, keine Manieren – er ascht auch mal auf den Boden des Schlafzimmers von Orville – schläft tagsüber und rennt jeder schönen Frau hinterher, ob Ehefrau oder Bordsteinschwalbe. Er scheint auch nicht im Geringsten an das Nein einer Dame gewöhnt zu sein. Wenn er einmal ein Ziel hat, setzt er die einfachsten Taktiken ein, um seine Hände an die weiblichen Kurven zu bekommen. Umso schöner ist es hier mitanzusehen, dass er bei Polly, ausgerechnet der Prostituierten auf Granit beißt.

Küss mich, Dumkopf (1964)
Dino (Dean Martin) und Polly (Kim Novak) // © VOCOMO Movies

Im Film wird der Erfolg auch mit sexueller Dienstleistung gemessen. Da denken die Herren doch ganz offenkundig nach, die eigene Ehefrau als „Abendunterhaltung“ für den Star herzugeben, nur um ins Geschäft zu kommen. Man ist an geschichtliche Vereinbarungen erinnert, wie auch in DIE BOUNTY, als Anthony Hopkins das Geschäftliche mit einer der Ehefrauen vom Häuptling durch Beischlaf besiegeln soll. Aber Wilder prangert diesen Umstand nicht an, sondern brennt erst einmal ein Witzfeuerwerk nach dem anderen ab. Zum Beispiel, wenn Orville ganz direkt seine Frau, nun die Prostituierte Polly, Dino in die Arme legt. Er soll ihr Gewicht schätzen. Ja, da kommt Viehzüchter-Mentalität auf. Der eigentliche Kniff im Drehbuch ist jedoch, wie sich Kim Novak als Polly in die Sympathie der Zuschauer und der von Orville spielt. Ihre einfache Art, der simple Wunsch nach einem Auto, um den Ort wieder verlassen zu können und ihr Wunsch nach einer festen Beziehung, wollen wir ihr nach den ersten Minuten alle gern erfüllen.

Küss mich, Dumkopf (1964)
Pistolen-Polly als Hausfrau (Kim Novak) //© VOCOMO Movies

Lady-Show

KÜSS MICH, DUMMKOPF ist trotz der starken männlichen Rollen vor allem eine Show der Frauen. Sie geben nicht nur am Ende ihren Körper für die Liebe her, nicht zwingend an den Geliebten, sondern sind im ganzen Film die institutionelle Vernunft. Wenn Orville versucht einen Streit vom Zaun zu brechen, nur um Zelda aus dem Haus zu bekommen, nimmt sie ihn kaum ernst und bereitet sich erstmal auf ein nachmittägliches Nümmerchen vor. Auch zum Ende des Films gibt es durchaus Potential für einen „Catfight“, aber die beiden Damen bleiben besonnen, kochen sich einen Kaffee und klären die Fehler der Nacht mit wirtschaftlicher Genauigkeit. Wenn beide Damen sich gleich zu Beginn begegnet wären, wäre der Film mit demselben Ergebnis nach 30 Minuten vorbei gewesen.

Küss mich, Dumkopf (1964)

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